4.–6.9.26

Notturno

21:30 Uhr
Villa Schoeck, Brunnen
Exklusiv für Gönner*innen

Als «kühne Brückenbauer*innen» wurden die Musiker*innen des Mondrian Ensembles in der Laudatio bezeichnet, als sie 2018 den Schweizer Musikpreis erhielten. Fäden zu spinnen, die sich ohne Rücksicht auf gewachsene Gräben durch die Musikgeschichte ziehen, die Auseinandersetzung mit neuer und neuester Musik ist den Musiker*innen ein ebenso wichtiges Anliegen wie die Beschäftigung mit dem klassisch-romantischen Repertoire. Zudem überschreiten die vier Musiker*innen gern den Rahmen der Kammermusik, hinaus zur Improvisation, dem Tanz- und Musiktheater und der elektronischen Musik.

Programm

21:30

Lukas Langlotz (*1971)
Slices für Streichtrio (2026)

«Slices» ist eine knapp dreiminütige Miniatur, die ihrerseits aus durch kurze Pausen getrennten Momenten besteht. Diese sind Fragmente in Möglichkeitsräumen. Sie lassen weisse Stellen zurück. In den Lücken könnte sich die Musik still weiterentwickeln und das Angedeutete zur imaginären Grossform anwachsen.

Stephanie Haensler (*1986)
unterschwellig how far are you going?
für Streichtrio (2025)

«How far are you going?» ist ein Zitat aus Tom Waits’ Song «Burma Shave», wessen Melodie als unterschwellige Nervenader mein Trio durchzieht. Ebenso blitzt für einen Augenaufschlag ein Anklang an Nirvanas «Hairspray Queen» auf. Beides sind persönliche Lieblingsstücke der Bratschistin Petra Ackermann, welcher diese kleine Miniatur insbesondere gewidmet sein soll. Die Zahl 25 wirkt auf mehreren Ebenen formbildend und greift die bereits 25-jährige Reise des wundervollen Mondrian-Ensembles auf: Für die kommenden 25 Jahre wäre erneut zu fragen: How far are you going?

Martin Jaggi (*1978)
Canto für Streichtrio (2026)

Thomas Wally (*1981)
Scherzo. Trentacinque strutture für Streichtrio (2026)

Dem Satz liegt eine Folge von 35 speziellen vierstimmigen Akkordstrukturen zugrunde. Diese 35 Klänge werden in einer sorgfältig gestalteten Reihenfolge zu einer Akkordkette verbunden und in eine «loop-Vorlage» gebracht, die als kompositorische Ausgangsbasis für das Scherzo dient. Der klangliche Gesamteindruck ist der einer sich (größtenteils) nach oben drehenden Spiralbewegung.

Othmar Schoeck (1886–1957)
Notturno op. 47

«Ich habe Lenaus Überschriften weggelassen» – so zitiert Werner Vogel den Komponisten im Zusammenhang mit seinem Liederzyklus «Notturno» op. 47 (Werner Vogel: Tagebuchaufzeichnungen – Othmar Schoeck im Gespräch. Zürich 1965). Etwas erstaunlich, würde man meinen, denn Schoeck hat in keinem anderen seiner Liedzyklen und – sammlungen zu einer solchen Massnahme gegriffen. Und erstaunlich ist auch seine Begründung dafür: «sie sind auch gar zu deutlich». Nun würde man meinen, dass Deutlichkeit gerade bei Gedichttiteln (Überschriften) für das Verständnis hilfreich ist – doch genau da liegt für Schoeck die Crux, wie der volle Wortlaut des Zitats erkennen lässt: «Der erste Satz [des Werks] gilt der Ehe. Ich habe Lenaus Überschriften weggelassen; sie sind auch gar zu deutlich.»

Die Ehe – ein Thema, das den Komponisten sein ganzes Leben als Problem lang begleiten sollte und viel zu komplex ist, als dass es hier auch nur skizziert werden könnte. Greifen wir also den Strang auf, der für das Notturno auch musikalisch wesentlich ist. (Die folgende Darstellung beruht weitgehend auf Chris Waltons Biographien Othmar Schoeck – Eine Biographie, Zürich 1994, und: Othmar Schoeck – Life and Work, Rochester Press 2009).

Im August 1918 stürzte Othmar Schoeck sich Hals über Kopf in eine Liaison mit der Genfer Pianistin Mary de Senger: Die Affäre zog sich über mehrere Jahre hin, brachte zwar sexuelle Befriedigung mit sich, stellte den eingefleischten Junggesellen aber auch permanent vor das Dilemma «Heiraten oder nicht heiraten?», und dies nicht zuletzt, weil der Komponist eine Zeitlang im Senger’schen Haushalt in Genf lebte. Schliesslich entschloss sich Schoeck 1925 zur Heirat – allerdings nicht mit Mary (die sich 1923 von ihm trennte), sondern mit der deutschen Sängerin Hilde Bartscher.

Damit war die Genfer «Amour fou» aber nicht etwa vorbei. In dieser Zeit (1919) komponierte Schoeck ein kleines Klavierstück, «Consolation», trotz seines Titel wenig «tröstlich». Dessen Motiv stammte aus der Oper Venus und sollte das noch ein längeres Nachleben haben. Denn um die Jahreswende 1931/32 gelangte Schoecks Ehe auf einen Tiefpunkt, und Hilde verliess für einige Zeit den gemeinsamen Haushalt. Genau zu diesem Zeitpunkt begann der Komponist an einigen Liedern zu arbeiten, die dann in ein neues Werk, «Notturno», eingehen sollten. «Liebe und Vermählung» heisst das erste Gedicht, ein Doppel-Sonett, das spiegelbildlich angelegt ist: Während das erste Sonett ein mögliches Liebesglück zeichnet, spricht das zweite bereits von dessen Ende – nach der Vermählung! Kein Wunder also, dass für Schoeck, beim damaligen Zustand seiner eigenen Ehe, schon dieser erste Gedichttitel «allzu deutlich» war und die Öffentlichkeit möglicherweise zu sehr auf den Hintergrund des Werks aufmerksam gemacht hätte.
Dennoch will der Komponist wenigstens auf einen musikalischen Hinweis, worum es ihm geht, wiederum nicht verzichten: Bei der Zeile des 2. Sonetts «der Ruhelose, der immer naht, ihr immer doch zu fehlen» erklingt eine Variante jenes Motivs aus «Consolation» (bzw. aus «Venus») – also aus jener Komposition, die mit Mary de Senger biographisch direkt verbunden ist. Und das Motiv wird im Verlauf des Werks immer wieder erscheinen, allerdings in immer wieder unterschiedlichen und dementsprechend «verschleierten» Varianten. Wenn man so will, ist das Werk also gleich eine doppelte Beschäftigung mit dem Thema Liebe und Ehe oder Liebe versus Ehe: Der aktuellen Ehemisere setzt der Komponist die Erinnerung an und Beschäftigung mit seiner früheren Liebespassion entgegen; sie endete zwar auch unglücklich, brachte jedoch für den Komponisten ein inspirierendes Element mit sich.
«Notturno» ist eines von Schoecks eigenwilligsten und individuellsten Werken: Es ist nicht wie der traditionelle Liederzyklus für Singstimme und Klavier gesetzt, sondern für Singstimme und Streichquartett. Das Quartett spielt oft in einem (auch für das Publikum) anspruchsvollen chromatisch-polyphonen Satz mit vier eigenständigen Stimmen, hat somit keinen Moment den Charakter einer «Begleitung».
Insgesamt zehn Gedichte vertonte Schoeck, neun von Nikolaus Lenau, eines von Gottfried Keller, und gruppierte diese in einer fünfsätzigen Grossform: Um den zentralen Mittelteil Nr. III («Herbstabend») gruppieren sich zwei kurze Sätze: die spukhafte Nr. II («Der Traum war so wild») und die delikate Nr. IV («Rings ein Verstummen»). Die beiden Aussensätze sind die längsten: Die Gruppe Nr. I enthält vier Gedichte («Liebe und Vermählung» I und II – «Der schwere Abend» und «Blick in den Strom»); die abschliessende Gruppe Nr. V bringt vorerst zwei weitere Lenau-Gedichte («Der einsame Trinker» und «Einsamkeit») und scheint so in der bisher durchwegs dominierenden Stimmung von Melancholie, Verzweiflung, Trauer und Einsamkeit enden zu wollen.
Doch unerwartet hellt sich im Schlussteil die düstere Atmosphäre in einer Art von «Nachthelle» auf: Zu einem Prosafragment von Gottfried Keller («Heerwagen, mächtig Sternbild der Germanen») schreibt Schoeck eine harmonisch lichte und klanglich delikate Chaconne in wiegendem Rhythmus. In ihr erscheint auch das Motiv aus «Consolation» nochmals in weiteren Varianten, nun aber in die C-Dur-Atmosphäre eingebettet und – vielleicht auch dem Komponisten? – wahrhaftig als Trost. Ein einzelner dissonanter Akkord kurz vor Schluss erinnert freilich daran, wie fragil der errungene Seelenfrieden bleibt.

Visual Othmar Schoeck Festival 2026: Simone F. Baumann

Mitwirkende

Mondrian Ensemble

Ivana Pristašová Zaugg, Violine
Petra Ackermann, Viola
Martin Jaggi, Violoncello
Daniel Meller – Violine II (Gast)

Robin Adams
Bariton

Der britische Bariton Robin Adams ist international für seine Vielseitigkeit und Ausdruckskraft bekannt. Engagements führten ihn u. a. an die Oper Zürich, die Staatsoper Stuttgart, das Grand Théâtre de Genève, La Scala di Milano und das Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Sein Repertoire reicht von Mozart bis hin zu zeitgenössischen Komponisten, wobei er besonders als Interpret moderner Opernpartien geschätzt wird.

Ort

Villa Schoeck
Gütschweg 8
6440 Brunnen