4.–6.9.26

Liederabend

18:00 Uhr
Reformierte Kirche Ingenbohl-Brunnen, Brunnen
CHF 45.- / 35.-

Othmar Schoeck und Ernst Krenek (1900–1991) kannten sich seit 1923 und hatten vor allem in der Zeit, als Krenek dank eines Stipendiums von Werner Reinhart ab 1924 in der Schweiz lebte, regelmässig Kontakt. 1929 komponierte Krenek mit dem «Reisebuch aus den österreichischen Alpen» op. 62 eine Erkundungsfahrt durch sein Heimatland Österreich. Othmar Schoeck schrieb mit dem Zyklus «Wanderung im Gebirge» op. 45 eine Art Schweizer Antwort darauf.

Programm

17:30

Einführung
Hein Sauer

18:00

Ernst Krenek (1900–1991)
Reisebuch aus den österreichischen Alpen op. 62

Wenn einer eine Reise tut …. – Ein altes Cliché, gewiss, doch in unserem Fall trifft der Satz ganz wörtlich zu, und erst noch doppelt. Tatsächlich ging der Komponist Ernst Krenek 1929 mit seiner damaligen Frau Berta Hermann auf eine längere Reise durch Österreich, und in unmittelbarer Folge davon entstand der Liederzyklus «Reisebuch aus den österreichischen Alpen». In seinen «Erinnerungen an die Moderne» schreibt Krenek: «Ich glaube, es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ein Werk so offensichtlich und unmittelbar durch Erleben inspiriert wurde. Ich begann die Arbeit wenige Tage nach der Rückkehr nach Wien. Worte und Musik wurden gleichzeitig konzipiert, (…) und die zwanzig Lieder entstanden mühelos in zwanzig Tagen.»

Ernst Krenek (1900–1991) war zu dieser Zeit einer der meistgespielten Komponisten. Seine Oper «Jonny spielt auf», in der er Elemente der aktuellen Unterhaltungsmusik und des Jazz verwendete, war buchstäblich ein «Welterfolg»; sie stand 1927/28 in nicht weniger als 45 Städten auf dem Spielplan, und die Tantiemen flossen reichlich. Es hätte sich also angeboten, auf diesem Weg weiterzugehen, doch dazu war der Komponist nicht geneigt; er suchte stets nach neuen Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks. Als Schüler von Franz Schreker hatte er in einem freitonalen Stil begonnen, sich dann dem Neoklassizismus zugewandt und griff nun, vor allem auch mit dem «Reisebuch», einen (etwas «modernisierten») neo-romantischen Stil auf; es sollten später dann die Zwölftontechnik und, dies schon im amerikanischen Exil, der Serialismus und die Elektronik folgen.

Von diesem umfangreichen und vielfältigen Werk – mit Opern, Sinfonien, Konzerten, Kammer- und Chormusik, Liedern – ist heute im Konzert fast nichts und auf CD nur wenig zu hören. Am populärsten ist tatsächlich das «Reisetagebuch» geworden.

«Ich reise aus, meine Heimat zu entdecken», so beginnt das erste Lied, und der Satz ist ganz wörtlich gemeint. Und was Krenek dann antraf: schöne und auch schroffe Landschaften, lauten Massentourismus und moderne Technik, ehrwürdige Kirchen und desolate Friedhöfe, guten Wein, Tage mit trüb-melancholischer und mit südlich-heiterer Stimmung – und im Hintergrund stets der sich allmählich verdüsternde Horizont der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung.

Dieses Panorama an unterschiedlichsten Themen schildert Krenek nicht etwa in Gedichten, sondern in einer meist umgangssprachlichen Prosa: reflektierend, konstatierend, manchmal satirisch und nur gelegentlich poetisch. Getragen wird der Text von einer in ihrem Grundzug frei, aber spürbar tonalen Musik, mit gelegentlichen Anspielungen auf Schubert, Klangmalereien und parodistischen Elementen. Die Entdeckungsfahrt durch das Österreich der späten 20er Jahre wird so zu einer Reise mit vielen «Ja, aber …» und «Nein, doch …» Es verwundert dann auch nicht, wie das letzte Lied die Befindlichkeit des Komponisten in seinem Land mit einer absichtlich verzwickten Satzkonstruktion und etwas trotzig resumiert: «Mich wundert trotzdem nicht, dass ich trotzdem fröhlich bin».

Othmar Schoeck (1886–1957)
Wanderung im Gebirge op. 45

Nichts von solcher «moderner» Zwiespältigkeit findet sich in «Wanderung im Gebirge» op. 45 von Othmar Schoeck (1886–1957). Und dies vielleicht gerade, weil seine Komposition mit Kreneks Liederzyklus direkt in Beziehung steht. Hilde Schoeck, Sängerin und Frau des Komponisten, soll gesprächsweise Kreneks Werk gelobt und dessen Lieder denjenigen ihres Mannes vorgezogen haben, worauf der Komponist naturgemäss sehr verärgert reagierte – und mit einem Gegenwerk: Im September 1930, anscheinend nach einer Wanderung über den Jochpass, schrieb Schoeck auf einen Text des von ihm oft vertonten Nikolaus Lenau seinen einzigen durchkomponierten Liederzyklus, «Wanderung im Gebirge» op. 45.

Offensichtlich unterscheiden sich die beiden Zyklen nur schon vom Text her: Während Kreneks Werk durchwegs den Kontrast zwischen Zivilisation und Natur thematisiert, schildert Lenaus Gedichtzyklus (veröffentlicht 1831) ein reines, beglückendes Naturerlebnis: «Natur, von deinem Reiz durchdrungen, wie schlug mein Herz so frei, so laut!» (Nr. 7, Die Ferne). Im dritten Lied stellt sich mit Biene und Lerche auch jene Naturidyllik ein, die uns heutzutage etwas clichéhaft vorkommen mag. Doch nur idyllisch ist diese Alpenwelt auch nicht: Aus dunkler Felsenpforte stürzt etwa «der Quell mit einem bangen Schrei, enteilt dem grauenvollen Orte» (Nr. 6, Einsamkeit). Auch entschwindet die Welt der Menschen nicht ganz, schickt sie doch dem Wanderer ganz unvermittelt die Sehnsucht «zu ihr, zu ihr» (Nr. 7, Die Ferne). Und die auf das Dach fallenden Regentropfen evozieren Tränen eines Freundes, die auf seinen eigenen Sarg tropfen (Nr. 9, Der Schlaf).

Zwei auffällige Eigenschaften weist die «Wanderung» auf, am Anfang und am Schluss: Das erste Gedicht, «Erinnerung», deutet an, dass die Wanderung offenbar bereits stattgefunden hat und der Wanderer sie jetzt «noch einmal an mir vorüber» vorüberziehen lässt – so wie der Komponist seinerseits den Klavierpart komponierend den Text an sich vorbeiziehen lässt … Geradezu abrupt mag dann der Schluss anmuten: Nach den acht Liedern des Aufstiegs würde man nun auch eine, und sei es noch so kurze, Darstellung des Abstiegs erwarten. Lenau beendet den Zyklus jedoch mit einer zitathaften Reminiszenz an den «Aufbruch» (Nr. 2); der Abstieg ins Tal – riskanterweise bei beginnender Dämmerung! – wird nur angedeutet. Schoeck seinerseits hätte diese «Lücke» natürlich füllen können, etwa mit einem Klavier-Nachspiel. Stattdessen greift er die Motivik des ersten Lieds «Erinnerung» wieder auf und charakterisiert so seinen Zyklus ganz wörtlich als Erinnerungsarbeit in Musik.

Visual Othmar Schoeck Festival 2026: Simone F. Baumann

Mitwirkende

Alice Lackner
Mezzosopran

Alice Lackner studierte an der HfMT Köln/Aachen und ist Stipendiatin der Studienstiftung des deutschen Volkes sowie Preisträgerin mehrerer internationaler Wettbewerbe. Sie arbeitet mit Orchestern wie dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Gewandhausorchester und der lautten compagney zusammen und trat u.a. in der Berliner Philharmonie, im Aalto Theater Essen und bei den Innsbrucker Festwochen auf. Aufnahmen entstanden u.a. für DLF, ARTE Concert und BR-Klassik. Seit 2025 leitet sie das Festival GÜLDENER HERBST in Thüringen.

© Foto: Thomas Lackner

Peter Schöne
Bariton

Peter Schöne ist an der Staatsoper Hannover engagiert und trat an über 20 Opernhäusern auf. Sein Operndebüt gab er an der Komischen Oper Berlin. Zu den jüngsten Höhepunkten zählen die Uraufführung von Lucia Ronchettis «Der Doppelgänger» bei den Schwetzinger Festspielen (2024) sowie Auftritte bei den Salzburger Festspielen und an der Staatsoper Berlin. Er arbeitet eng mit Komponisten wie Pascal Dusapin, Aribert Reimann und Georg Friedrich Haas zusammen; zahlreiche Werke wurden für ihn geschrieben. Als Liedinterpret widmet er sich der Gesamtaufnahme aller Schubertlieder. Schöne ist Träger des Schneider-Schott-Musikpreises.

Burkhard Kehring
Klavier

Burkhard Kehring war bereits als Student offizieller Begleiter auf Liedkursen von Elisabeth Schwarzkopf, Ernst Haefliger und Hermann Prey und erhielt Begleiterpreise bei internationalen Liedwettbewerben in München und London. Fast zehn Jahre arbeitete er eng mit Dietrich Fischer-Dieskau zusammen; ein gemeinsames Melodramen-Doppelalbum erschien bei der Deutschen Grammophon. Er kooperierte mit zahlreichen namhaften Sängern und Komponisten der Gegenwart. 2014 initiierte er das Projekt Divan of Song zur Erforschung des weltweiten Liedrepertoires. Seit 2002 ist er Professor für Liedgestaltung an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Gründungsmitglied der Deutschen Liedakademie.

Hein Sauer
Universität Zürich

Dr. Hein Sauer studierte Musikwissenschaft und Interkulturelles Kultur- und Veranstaltungsmanagement an der Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena und ist seit 2023 Postdoc-Assistent am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich. Er forscht zur Handschriften- und Druckkultur von Musik und Musiktheorie im 16. und 17. Jh. (Promotion 2022), zum Musikverlagswesen, der Geschichte der Musik des 20. Jahrhunderts und ihren politischen Kontexten.

Ort

Reformierte Kirche Ingenbohl-Brunnen
Alte Kantonsstrasse 8
6440 Brunnen