Wenn einer eine Reise tut …. – Ein altes Cliché, gewiss, doch in unserem Fall trifft der Satz ganz wörtlich zu, und erst noch doppelt. Tatsächlich ging der Komponist Ernst Krenek 1929 mit seiner damaligen Frau Berta Hermann auf eine längere Reise durch Österreich, und in unmittelbarer Folge davon entstand der Liederzyklus «Reisebuch aus den österreichischen Alpen». In seinen «Erinnerungen an die Moderne» schreibt Krenek: «Ich glaube, es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ein Werk so offensichtlich und unmittelbar durch Erleben inspiriert wurde. Ich begann die Arbeit wenige Tage nach der Rückkehr nach Wien. Worte und Musik wurden gleichzeitig konzipiert, (…) und die zwanzig Lieder entstanden mühelos in zwanzig Tagen.»
Ernst Krenek (1900–1991) war zu dieser Zeit einer der meistgespielten Komponisten. Seine Oper «Jonny spielt auf», in der er Elemente der aktuellen Unterhaltungsmusik und des Jazz verwendete, war buchstäblich ein «Welterfolg»; sie stand 1927/28 in nicht weniger als 45 Städten auf dem Spielplan, und die Tantiemen flossen reichlich. Es hätte sich also angeboten, auf diesem Weg weiterzugehen, doch dazu war der Komponist nicht geneigt; er suchte stets nach neuen Möglichkeiten des künstlerischen Ausdrucks. Als Schüler von Franz Schreker hatte er in einem freitonalen Stil begonnen, sich dann dem Neoklassizismus zugewandt und griff nun, vor allem auch mit dem «Reisebuch», einen (etwas «modernisierten») neo-romantischen Stil auf; es sollten später dann die Zwölftontechnik und, dies schon im amerikanischen Exil, der Serialismus und die Elektronik folgen.
Von diesem umfangreichen und vielfältigen Werk – mit Opern, Sinfonien, Konzerten, Kammer- und Chormusik, Liedern – ist heute im Konzert fast nichts und auf CD nur wenig zu hören. Am populärsten ist tatsächlich das «Reisetagebuch» geworden.
«Ich reise aus, meine Heimat zu entdecken», so beginnt das erste Lied, und der Satz ist ganz wörtlich gemeint. Und was Krenek dann antraf: schöne und auch schroffe Landschaften, lauten Massentourismus und moderne Technik, ehrwürdige Kirchen und desolate Friedhöfe, guten Wein, Tage mit trüb-melancholischer und mit südlich-heiterer Stimmung – und im Hintergrund stets der sich allmählich verdüsternde Horizont der politisch-gesellschaftlichen Entwicklung.
Dieses Panorama an unterschiedlichsten Themen schildert Krenek nicht etwa in Gedichten, sondern in einer meist umgangssprachlichen Prosa: reflektierend, konstatierend, manchmal satirisch und nur gelegentlich poetisch. Getragen wird der Text von einer in ihrem Grundzug frei, aber spürbar tonalen Musik, mit gelegentlichen Anspielungen auf Schubert, Klangmalereien und parodistischen Elementen. Die Entdeckungsfahrt durch das Österreich der späten 20er Jahre wird so zu einer Reise mit vielen «Ja, aber …» und «Nein, doch …» Es verwundert dann auch nicht, wie das letzte Lied die Befindlichkeit des Komponisten in seinem Land mit einer absichtlich verzwickten Satzkonstruktion und etwas trotzig resumiert: «Mich wundert trotzdem nicht, dass ich trotzdem fröhlich bin».