4.–6.9.26

Konzert und Uraufführung

20:00 Uhr
Römisch-katholische Pfarrkirche St. Leonhard, Ingenbohl
PWYC (Pay what you can)

Der Verein Othmar Schoeck Festival beauftragte die Komponistin Sandra Stadler mit der Vertonung eines Gedichts von Martina Clavadetscher für Männerchor und Sinfonieorchester und haucht dieser fast vergessenen musikalischen Kombination neues Leben ein.

Programm

19.30

Einführung
Inga Mai Groote

20.00

Susan Spain-Dunk (1880–1962)
Suite for Strings (1920)
Prelude – Interlude

Die englische Komponistin Susan Spain-Dunk (1880–1962) wurde in Folkestone geboren – und als Dirigentin sollte sie dann nicht zuletzt in den Städten der englischen Südküste auftreten. Vorerst studierte sie Violine und Komposition an der Royal Academy of Music in London und unterrichtete dort später Komposition und Harmonielehre. 1908 heiratete sie Henry Gibson, der seinerseits ebenfalls Komponist und Musiker war. Sie spielte Violine oder Viola in Quartettformationen und konnte eigene Werke wiederholt selbst dirigieren, so beim British Women’s Symphony Orchestra, in Bournemouth, Eastbourne und Torquay, in der Mitte der 1920er Jahre aber auch bei den Londoner «Proms»-Konzerten.

Susan Spain-Dunk komponierte über die Jahre ein umfangreiches Werk, das anfänglich vor allem Kammermusik, später aber auch Orchesterwerke einschloss. Diese tragen auffällig oft nicht Gattungsbezeichnungen, sondern poetische Titel, die die Musik im Bereich der Tondichtung ansiedeln: Water Lily Pool, Kentish Downs, Elaine, Farmer’s Boy oder Stonehenge sind einige der Titel. Eine Ausnahme bildet die Suite for String Orchestra (1920), die im Konzert zu hören ist. In neuerer Zeit wurden einige ihrer Werke auf CD eingespielt, und eine Würdigung erhielt die Komponistin im Buch Some Folkestone Worthies von C. H. Bishop.

Franz Schubert (1797–1828)
Gesang der Geister über den Wassern D 714 (1821)
für acht Männerstimmen mit Begleitung von Streichinstrumenten

Als das Stück zu Ende war, herrschte im Publikum betretenes Schweigen. Und ein Rezensent lieferte noch eine vernichtende Besprechung nach. Tatsächlich: Ein grösserer Misserfolg als derjenige, den Franz Schubert (1797–1828) am 7. März 1821 bei Publikum und Kritik erlebte, ist kaum vorstellbar. Erstmals aufgeführt wurde seine Komposition «Gesang der Geister über den Wassern» (D 714). Im gleichen Konzert hatte sein Vokalwerk «Das Dörfchen» grossen Anklang gefunden. Nach dem «Gesang der Geister» gab es nun aber nicht nur keinen Applaus, in einer Rezension hiess es überdies:

Dagegen wurde der achtstimmige Chor von Hrn. Schubert von dem Publikum als ein Akkumulat aller musikalischen Modulationen und Ausweichungen ohne Sinn, Ordnung und Zweck anerkannt.

Man könnte meinen, hier sei von einem avantgardistischen Werk des 20. Jahrhunderts die Rede, und ähnlich avantgardistisch muss das Werk damals gewirkt haben. Auch heute noch ist es offensichtlich eines von Schuberts anspruchsvollsten Werken.
Der Komposition liegt Goethes gleichnamiges Gedicht zugrunde, das 1779 von dessen Besuch der Staubbachfälle im Berner Oberland inspiriert wurde: Die menschliche Seele fällt zwar wie das Wasser unaufhaltsam zur Erde hinunter, steigt aber als Wasserstaub auch wieder zum Himmel empor; sie durchlebt ruhige oder sanft bewegte, manchmal aber auch vom Wind des Schicksals aufgewühlte Lebensabschnitte.
Schubert hat um die Vertonung dieses Gedichts in mehreren Versuchen geradezu gerungen; nur zwei davon führte er vollständig aus: D 538 (für Männerquartett) und D 714, eine Art von Mini-Kantate für die singuläre Besetzung mit 4 Tenor- und 4 Bassstimmen sowie ein Streichquintett mit 2 Bratschen, 2 Celli und Kontrabass (diese zweite Fassung erklingt im Konzert). Frappant sind die Unterschiede in der Musiksprache. D 538 ist im Stil eines polyphonen Madrigals gehalten; D 714 dagegen greift textausdeutend und klangmalerisch die Bilder von Goethes Gedicht auf: so das sanfte Hinunterfallen- und Aufsteigen der Seele, der Aufprall auf den schroffen Klippen, der bewegte Wind, der ruhig-liebliche See.

Susan Spain-Dunk
Suite for Strings
Romance – Finale

Johannes Brahms (1833–1897)
Rhapsodie
für Altsolo, Männerchor und Orchester op. 53 (1869)

Desolat war 1868 die persönliche Situation von Johannes Brahms (1833–1897). Das Verhältnis zwischen der verwitweten Clara Schumann und dem oft eigenbrötlerisch-verschlossenen Komponisten war angespannt, und eine Spannung ganz anderer Art lag ebenfalls in der Luft: Brahms schien sich Hoffnungen auf eine Heirat mit Claras Tochter Julie zu machen – ohne das aber je auszusprechen. Doch als Julie im Juli 1868 von einem Kuraufenthalt in Italien zurückkam, war sie mit einem italienischen Grafen verlobt, und bereits im September fand die Heirat statt. Brahms war masslos enttäuscht – und reagierte mit einem Werk, das er in einem sarkastischen Brief an seinen Verleger so ankündigte:
Hier habe ich ein Brautlied geschrieben für die Schumannsche Gräfin – aber mit Ingrimm schreibe ich derlei – mit Zorn! Wie soll’s da werden!

Das «Brautlied» ist die «Rhapsodie für eine Altstimme, Männerchor und Orchester» op. 53, (meist kurz «Alt-Rhapsodie» genannt) – eine ebenso singuläre Besetzung wie diejenige Schuberts. Brahms wählte für die Komposition einen Ausschnitt aus Goethes Gedicht «Harzreise im Winter», der unvermittelt mit der Frage beginnt Aber abseits, wer ist’s? Die Rede ist von einem Einzelgänger voller Hass und Verachtung für andere, da er sich selber gehasst und verachtet glaubt und deshalb die Einsamkeit sucht, unter der er aber auch leidet – der Text skizziert die Befindlichkeit des Komponisten nur allzu genau …
Es ist eine dramatische Partie für Altstimme, die im ersten Teil diesen musikalisch harsch und dissonanzenreich gestalteten Einblick in die Psyche des verbitterten Mannes vermittelt. Überraschend setzt dann ein Männerchor ein, und ein gemeinsamer choralartiger Gesang fleht den «Vater der Liebe» um Heilung an, um einen Ausweg aus «Ingrimm» und «Zorn».

Sandra Stadler (*1989)
Dunkle Sonne (Uraufführung)
Text: Martina Clavadetscher

«Dunkle Sonne» für Männerchor, Altsolo, Tenorsolo und Orchester kreist um etwas Unfassbares – um eine Kraft, die überwältigt, erschreckt, fasziniert und still werden lässt. Schönheit und Abgründigkeit, Licht und Dunkel, Nähe und Fremdheit liegen dicht beieinander.

Othmar Schoeck (1886–1957)
Der Postillon op. 18 (1909)

Keine Extreme der Stimmung und der Gestaltung wie bei Schubert und Brahms finden sich in der Chor-Kantate «Der Postillon» op. 18, die Othmar Schoeck (1886 – 1957) im Jahr 1909 «für kleinen Chor von Männerstimmen, Tenorsolo und Orchester oder Klavier» schrieb. Das
gleichnamige Gedicht von Nikolaus Lenau (1802–1850) beginnt mit jenen nicht wenigen Strophen, die (für heutiges Empfinden allzu genussvoll) eine idyllische Natur im «Maienglück» zeichnen. Doch hält die unbeschwerte Stimmung nicht an. Der Postillon, der durch die Maiennacht fährt, gelangt zum Friedhof, auf dem ein anscheinend jung verstorbener Kollege begraben liegt. Ihm bläst er nun auf dem Horn dessen Lieblingsmelodie, und der Tote scheint mit einem Echo zu antworten.

Der so harmlos anmutende Text weist einige Merkwürdigkeiten auf, die stutzig machen können: Fuhren Postkutschen im frühen 19. Jahrhundert wirklich auch bei Nacht? Und warum wird zwar das Gespann, nie aber die Kutsche erwähnt, und schon gar nicht, nicht einmal andeutungsweise, dass etwelche Passagiere mitreisten? Der Postillon scheint vollkommen allein durch eine menschenleere Welt zu fahren. Erst ganz am Schluss spricht ein Ich, das anscheinend Zeuge der ganzen Szene war: «Lang mir noch im Ohre lag / jener Klang vom Hügel» –, zumindest untergründig schwingt also auch ein etwas gespenstischer Kontrast zur idyllischen Natur mit.

Othmar Schoeck folgt in seiner Vertonung eng Lenaus Text und hält sich – gerade im Vergleich mit Schubert und Brahms – bei der Verwendung der kompositorischen Mittel eher zurück. Einzelne textausdeutende Momente gibt es zwar, sie werden aber dem die Strophen überspannenden Abschnittsbogen untergeordnet: Sowohl das Traben der Pferde wie auch das zweimalige Erklingen des Posthorns wird eher angedeutet als klangmalerisch auskomponiert; dies auch zugunsten der heiter-melancholischen Grundstimmung.

Visual Othmar Schoeck Festival 2026: Simone F. Baumann

Mitwirkende

Stefan Albrecht
Musikalische Leitung

Stefan Albrecht wurde in Brunnen geboren und studierte Kirchenmusik in Luzern.
Heute ist er Dozent für Dirigieren (Chorleitung) und Partiturspiel an der Hochschule Luzern-Musik und ist als Kirchenmusiker in Brunnen tätig.
Er leitet den Singkreis Brunnen, das Orchester Schwyz-Brunnen, das Orchester Brunnen und das Urschweizer Kammerensemble.
2024 wurde er mit dem Anerkennungspreis des Kantons Schwyz ausgezeichnet.

Barbara Erni
Alt

Barbara Erni erwarb das Lehrdiplom für Gesang an der Hochschule der Künste Bern bei Frieder Lang sowie Diplome im Konzert- und Opernfach bei Hanspeter Blochwitz und am Schweizer Opernstudio Biel. Wichtige Impulse erhält sie bei der Altistin Ingeborg Danz. Als Konzertsängerin ist sie im In- und Ausland tätig; 2011 und 2013 wirkte sie bei den Bachwochen Stuttgart unter Helmut Rilling als Solistin mit. Ihr Repertoire reicht vom Frühbarock bis zur zeitgenössischen Musik; daneben pflegt sie den Liedgesang und trat am Theater Biel Solothurn auf. Sie unterrichtet an Schulen Gesang und gibt Privatunterricht.

Michael Feyfar
Tenor

Michael Feyfar erhielt seine erste Ausbildung in der Knabenkantorei Basel. Er studierte Horn in Genf, dann Gesang an der HMT Bern/Biel bei Frieder Lang und absolvierte ein Aufbaustudium in Karlsruhe sowie ein Studium der historischen Aufführungspraxis an der Schola Cantorum Basiliensis bei Gerd Türk. Als Konzertsänger trat er an bedeutenden Festivals in Europa und Nordamerika auf. Sein Repertoire reicht von Monteverdi und Bach bis zur zeitgenössischen Musik. Auf der Opernbühne sang er u.a. am Theater Basel und war 2013–16 Ensemblemitglied von KonzertTheater Bern. Er ist Preisträger der Ernst Göhner Stiftung und des Migros Genossenschaftsbundes.

@ Foto: Basil Bornand

Sandra Stadler
Komposition

Sandra Stadler (*1989) studierte Klavier und Komposition an der Zürcher Hochschule der Künste (Bachelor 2012) sowie Komposition für Film, Theater und Medien (Master 2015). Sie komponiert für Orchester, Kammerensembles und Bigbands. 2016 gründete sie gemeinsam mit Bänz Isler das Filmmusikstudio SONDER Film Music in Bern, wo sie für Dokumentar- und Spielfilme sowie Werbeproduktionen komponiert und produziert.

Urschweizer Kammerensemble

Das Urschweizer Kammerensemble (UKE) wurde am 30. Januar 1966 gegründet. Es gibt guten Laienmusikerinnen und -musikern aus der Region die Gelegenheit, mit Profis sowie Musikstudierenden Werke zu erarbeiten, die mit ausschliesslich aus Nicht-Profis bestehenden Ensembles nicht aufführungsreif zu realisieren wären. Seit 1997 wird das UKE von Stefan Albrecht geleitet, der das Ensemble je nach den Erfordernissen immer wieder neu zusammenstellt. Das Verzeichnis der bisher aufgeführten Werke enthält über 100 Titel vom Barock bis zur Moderne.

männerxang küssnacht

männerxang küssnacht ist ein Männerchor mit 172-jähriger Geschichte, der sich bewusst der Moderne öffnet. Das stilistisch breite Repertoire umfasst neben klassischen Werken vor allem Gospel, Jazz und Pop, dargeboten an weltlichen Konzerten wie auch im kirchlichen Rahmen. Instrumentale Begleitung, originelle Aufstellungen und Bewegung gehören zum Auftrittsprofil. Seit 2026 leitet Hannah Meret Lindner den Chor.

Inga Mai Groote
Universität Zürich

Inga Mai Groote ist seit 2018 Professorin für Musikwissenschaft an der Universität Zürich und lehrte zuvor in Fribourg und Heidelberg. Sie forscht zu sozial- und kulturgeschichtlichen Kontexten von Musik, mit Schwerpunkten in der frühen Neuzeit und der Moderne. Dabei hat sie sich u. a. mit musikalischer Institutionengeschichte, Kulturtransfers, der Rezeption russischer Musik, dem Konzertleben und Verlagswesen sowie wissensgeschichtlichen Fragen beschäftigt.

Ort

Römisch-katholische Pfarrkirche St. Leonhard
Ingenbohl